Jobcenter verweigert Hartz IV-Aufstockung für Auszubildende

Es gibt 17 Antworten in diesem Thema. Der letzte Beitrag () ist von TasmanischerTeufel.

  • Zitat

    Mit einem geradezu absurden Fall wird sich demnächst das [lexicon]Sozialgericht[/lexicon] (SG) Dortmund beschäftigen müssen. Das [lexicon]Jobcenter[/lexicon] des Kreises Siegen-Wittgenstein verlangt von einer Auszubildenden, ihre Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten abzubrechen. Die Frau hatte zuvor einen Antrag auf aufstockende Hartz IV-Leistungen bei der Behörde gestellt, da ihr Ausbildungsgehalt nicht für sie und ihren fünfjährigen Sohn ausreicht. Das [lexicon]Jobcenter[/lexicon] lehnte den Antrag jedoch ab und fordert nun sogar den Abbruch der Ausbildung mit der Begründung, dass die Ausbildung „nicht die einzige realistische Möglichkeit“ sei, wieder einen Einstieg in die Erwerbstätigkeit zu finden. Die Kanzlei, in der die Frau ihre Ausbildung absolviert, will gegen die Entscheidung des Jobcenters gerichtlich vorgehen.


    Absurde Entscheidung des Jobcenters


    Die Rechtsanwaltskanzlei Nierenz und Batz macht in ihrem Blog auf einen Fall in eigener Sache aufmerksam. Das [lexicon]Jobcenter[/lexicon] des Kreises Siegen-Wittgenstein verlangt von einer Auszubildende der Kanzlei den Abbruch ihrer Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten. Die Frau hatte von 2002 bis 2004 bereits eine Ausbildung zur staatlich geprüften Kinderpflegerin erfolgreich absolviert, jedoch keine Stelle gefunden, da der Beruf trotz des Mangels an Kinderbetreuern nicht mehr nachgefragt wird. Deshalb war die Mutter eines Sohnes über einen längeren Zeitraum auf [lexicon]Hartz IV[/lexicon] angewiesen. Zwischenzeitlich übte sie immer wieder ungelernte Tätigkeiten aus, um ihre Erwerbslosigkeit zu beenden. Schließlich entschied sich die Mittezwanzig-Jährige zu einer Bewerbung für eine Ausbildung in der Kanzlei, um sich eine dauerhafte berufliche Perspektive zu schaffen. Die Kanzlei stellte die Frau ein und ihre Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten begann.


    [quelle]Jobcenter verweigert Hartz IV-Aufstockung für Auszubildende[/quelle]

  • Das ist ja wirklich "witzig" ...


    Selten wird so deutlich und für jeden erkennbar klar, dass das ganze Gerede von "Förderung" und Qualifizierung ziemlich hohl und ohne realen Gehalt ist!
    Selten kann man so schön sehen, dass es um kurzfristiges Sparen an Transferleistungen und positives Anpassen der Statistiken geht und nicht um die Schaffung von zukunftssicheren PErspektiven.


    Das wird bestimmt (will ich doch hoffen) vom Gericht korrigiert - aber da hat ein [lexicon]JC[/lexicon] mal die Vorgaben und den wirklichen Geist des SGB konsequent umgesetzt. Sehr schön entlarvend!

  • Ich denke, die junge Frau ist bei ihrem Arbeitgeber in besten Händen :-)


    Hier hat er in seinem Blog etwas ausführlicher die Lage niedergeschrieben ...

  • Ja, da hat sie Glück! Ein Arbeitgeber "vom Fach" und auch noch bereit, an die Öffentlichkeit zu gehen.


    Aber das ist leider nicht die REgel - ein anderer hat ja auch schon in den Kommentaren geschrieben, dass auch er von so einer Entscheidung betroffen ist - aber als GÄrtner kann er zwar auch auf Unterstützung seines AG hoffen - aber nicht umbedingt auf Fachkenntnisse ...

  • Auch die Dummheit kommt da wieder zu Wort, ein Kommentar:


    Zitat

    Ich kann die staatlichen Vorgaben verstehen. Warum Zahlen Sie nicht einfach ein angemessenes überdurchschnittliches Gehalt an Ihre Mitarbeiterin? Andere Azubis müssen auch ohne Aufstockung auskommen, siehe die passenden Kommentare einiger Vorredner.


    Wie verblödet kann man eigentlich sein, um sowas abzusondern?


    Naja, man kann ja auch die Kommentare kommentieren. :mrgreen:

  • Ein "angemessenes überdurchschnittliches" Gehalt?


    Da ist noch die Frage, wie ein "angemessenes" Gehalt für einen Azubi aussieht. Es ist natürlich nicht überall gleich, in manchen Branchen wird von Azubis sicherlich früh "produktive" Arbeit verlangt - aber ich gehe mal von mir aus.


    Zweieinhalb Jahre Ausbildung - lange Theorieblöcke, und in den Praxisphasen Programme erstellt, die meine Paten sicherlich in der Zeit, die sie für meine Unterrichtung gebraucht haben, selbst hätten schreiben können. Oder eher schneller. (Ich war später selbst Azubi-Patin und weiß, wieviel Zeit das kostet). Dann nach der Ausbildung gleich auf mehrere Seminare geschickt (nicht billig, dazu noch Hotel- und Reisekosten). Wenn's da nach "angemessen" gegangen wäre, hätte ich gar keine Ausbildungsvergütung bekommen dürfen.



    Ich hoffe doch sehr, daß das [lexicon]JC[/lexicon] mit seiner Forderung, die Ausbildung abzubrechen, vor die Wand läuft. Einfach nur dumm und alles andere als zukunftsorientiert.

  • Zweieinhalb Jahre Ausbildung - lange Theorieblöcke, und in den Praxisphasen Programme erstellt, die meine Paten ...


    Um deinen Ausbildungsbetrieb beneide ich dich so langsam ... :-)
    Du hast sachonmal davon geschrieben - ich weiss jetzt nicht, ob es da um die Ausbildung ging oder die Zeit danach. Auf jeden Fall scheint das ein Unternehmen zu sein, dass seine Verantwortung gegenüber Auszubildenden/Leuten in einer Ausbildung ernst nimmt. Auch wenn das eigentlich im Eigeninteresse der Unternehmen liegen sollte - man möchte ja später gute Fachkräfte haben - trifft man es jenseits von GRoßunternemen nur sehr selten an.


    Wenn ich da an meine "Ausbildung" zurückdenke ....

  • Guten Tag.
    Wie recht oft beim jobcenter: de jure können die einen Abbruch nicht befehlen. Nur de facto.
    Die Freiheit der Berufs- und Ausbildungswahl wird formal nicht angetastet.
    Nur: es gibt halt kein Geld mehr.
    Ich könnte jetzt ein paar theoretische Gedanken zur "anderweitigen" Finanzierung hinschreiben.
    Eine ganze handvoll sogar. Aber die wären alle makaber, zynisch und schlimmeres.
    Oder aber höchst theoretisch.
    Im Artikel wird zitiert:


    " ... Genau dieses Ergebnis ist vom Gesetzgeber aber beabsichtigt und bewusst gewollt. ..."
    = Das ist der Kernsatz. Dazu kommt natürlich mangelnde Kreativität und mangelnder Mut des jobcenters vor Ort.
    Die derzeitige Ausrichtung ist: "Kurzfristig vor mittelfristig und langfristig", sowie "Nichtbeachtung des Faktors Eigenmotivation" (heißt: Strategien, die sich die Kundin selbst wählte - zu denen ist sie stark motiviert: was die Erfolgsaussichten signifikant steigert).
    Hier stehe zwei wichtige Dinge völlig auf dem Kopf, die jeder verständige Mensch mit 5 Minuten Nachdenken für sich erschließen könnte. Insbesondere unter der Perspektive, dass es viel zuwenig Stellen für viel zu viele Arbeitssuchende gibt.
    Weiterer Fehler: das mit dem kurzfristigem wird nicht klappen. Aus denselben Gründen. Dazu tritt die Demotivierung der Kundin. Selbst wenn sie ein paar Euro mehr verdienen würde in einem Callcenter - ein solches Vorgehen würde sich spätestens langfristig rächen. Für alle.
    MfG
    BTB

    * Omnia vincit amor! * Ars longa, vita brevis *

  • Ja, da hat sie Glück! Ein Arbeitgeber "vom Fach" und auch noch bereit, an die Öffentlichkeit zu gehen.


    Der Anwalt hat nur leider nicht den besten Ruf.


  • Der Anwalt hat nur leider nicht den besten Ruf.


    Na ja, da wir sowas wohl nur vom "Hören sagen" zur Kenntnis bekommen können, bin ich mit solchen Einschätzungen erstmal vorsichtig ...
    In welcher Beziehung soll er nen schlechten Ruf haben?

  • Um deinen Ausbildungsbetrieb beneide ich dich so langsam ...


    Es ist auch bei uns nicht alles "Gold", gerade auch beim Umgang mit Mitarbeitern, aber ich denke auch, daß wir im Punkt "Ausbildung" wirklich ganz gut sind. Und "Gold" findet man wohl nur noch in ganz ganz wenigen Unternehmen.


    Wir bilden eben mit dem Ziel aus, daß die Azubis nach dem Abschluß auch bei uns arbeiten. Das ist ein wichtiger Aspekt, denke ich.

  • Selbst wenn sie ein paar Euro mehr verdienen würde in einem Callcenter - ein solches Vorgehen würde sich spätestens langfristig rächen. Für alle.

    Das denke ich auch. Ich kenne zwar die Berufsaussichten und Gehälter bei Rechtsanwaltsfachangestellten nicht, aber ich setze jetzt einfach mal voraus, daß sie mit der abgeschlossenen Ausbildung dann gute Chancen hat, dauerhaft ihren Lebensunterhalt ohne staatliche Unterstützung zu bestreiten. Etwas, was ihr mit dem nicht mehr nachgefragten Beruf "Kinderpflegerin" voraussichtlich nicht gelingen wird, genausowenig wie als Ungelernte in irgendeinem Hilfsjob.

  • Na ja, da wir sowas wohl nur vom "Hören sagen" zur Kenntnis bekommen können, bin ich mit solchen Einschätzungen erstmal vorsichtig ...


    Zum einen komme ich ich exakt aus der Gegend. Siegen ist meine Heimatstadt und ich "kenne" diese Kanzlei und deren Ruf. Mehr will und kann ich nicht sagen schon gar nicht im öffentlichen Bereich.

  • Auch wenn das eigentlich im Eigeninteresse der Unternehmen liegen sollte - man möchte ja später gute Fachkräfte haben - trifft man es jenseits von Großunternehmen nur sehr selten an.


    Und nicht nur das: außerhalb eines solchen Großunternehmens, welches seine Angestellten ohnehin nur als Ressourcen betrachtet, sollte gerade den kleineren und mittelgroßen Betrieben, deren Inhaber und Geschäftsführer auch tatsächlich in Deutschland leben, daran gelegen sein, etwas in ihrer Gesellschaft zu bewegen ...



    Wie recht oft beim jobcenter: de jure können die einen Abbruch nicht befehlen. Nur de facto.


    Gut gesagt, Herr Tomm-Bub :thumbsup:

  • Einigung mit [lexicon]Jobcenter[/lexicon] Siegen - Mutter darf Ausbildung beenden



    [quelle]Weiterlesen: Einigung mit Jobcenter Siegen - Mutter darf Ausbildung beenden[/quelle]